Sehr geehrter Prof. Dellago, ab 1. März sind Sie offiziell der Dekan
der Fakultät für Physik. Für viele kommt der Wechsel überraschend – für
Sie auch?
Ja, es war sehr überraschend. Ich bin zwar bereits seit 2008 Vizedekan
und habe auch damit gerechnet, die Position des Dekans eines Tages zu
übernehmen, jedoch nicht zu einem so frühen Zeitpunkt. Dekan Zeilinger
hat sein Amt aber nun zurückgelegt und es hat sich die Frage ergeben,
wer für Ihn übernimmt. Da ich ebenfalls auf dem letzen Dreiervorschlag
war, ist der Rektor an mich herangetreten und hat mich gefragt, ob ich
diese Position übernehmen möchte. Nach reichlicher Überlegung habe ich
letztendlich zugestimmt.
Sie treten in die Fußstapfen von Prof. Zeilinger, der sich in der
Öffentlichkeit großer Berühmtheit erfreut. Wie sehen sie die Leistungen
ihres Vorgängers als Dekan?
Ich denke, ich muss Dekan Zeilinger hier Rosen streuen. Meiner Meinung
nach hat Anton Zeilinger zahlreiche hervorragende Veränderungen
bewirkt, wie zum Beispiel die Abschaffung der Institute und die
Einführung der Arbeitsgruppen. Ich schätze auch sehr die Art, in der
Dekan Zeilinger die Dinge angepackt hat und wünsche mir, dass ich wie
er in der Lage sein werde proaktiv zu agieren, statt nur zu reagieren.
Es ist auch zu erwähnen, dass trotz Krise bei uns zur Zeit sechs
Berufungsverfahren laufen, was ebenfalls ein großes Verdienst von Anton
Zeilinger ist.
Wird es in naher Zukunft zu großen Veränderungen kommen?
Wir haben wie gesagt sechs Professuren ausgeschrieben. Diese ordentlich
durchzuführen und anschließend auch die geeigneten Rahmenbedingungen
für die neuen Professorinnen und Professoren zu schaffen ist sicherlich
die größte Veränderung, die jetzt auf uns zukommt.
Eine weitere Veränderung ist die Einführung des neuen
Doktoratsstudiums, das bereits ab Herbst implementiert sein soll. Was
das Grundstudium betrifft, hatten wir ja kürzlich die große Umstellung
von Diplom auf Bachelor/Master. Dort habe ich nicht vor große,
Veränderungen vorzunehmen. Ich denke es ist hier besser abzuwarten und
zu sehen, wie es sich entwickelt und nur hier und da an gewissen
Rädchen zu drehen, um etwas nachzubessern.
Wer wird neuer Vizedekan?
Wir hatten ja bisher zwei Vizedekane: Regina Hitzenberger und mich.
Wegen des großen Aufwands, der unter Anderem wegen der sechs
Berufungskommissionen auf uns zukommt habe ich wieder zwei Personen
gebeten, diese Position zu übernehmen. Dies wird Regina Hitzenberger
sein und Anton Zeilinger hat sich ebenfalls bereit erklärt, als
Vizedekan zur Verfügung zu stehen.
Demnächst werden die ersten Bachelorarbeiten begonnen – wie soll Ihrer Meinung nach eine Bachelorarbeit aussehen?
Das ist eine sehr wichtige Frage. Meiner Meinung nach soll die
Bachelorarbeit in der Größenordnung eines erweiterten
Praktikumsprotokolls oder einer erweiterten Seminararbeit ausfallen. Im
Studienplan sind ja 5 ECTS dafür vorgesehen, was bei vorgesehenen 30
ECTS pro Semester also dem Sechstel eines Semesters entspricht. Das
bedeutet, dass maximal ein Monat dafür aufgewendet werden sollte.
Keinesfalls sollte die Bachelorarbeit in eine Diplomarbeit geschweige
denn eine Dissertation ausarten und ein Semester oder mehr in Anspruch
nehmen. Es muss hier nicht eine eigene wissenschaftliche Leistung
erbracht werden, es reicht eine Literaturrecherche oder Ähnliches.
Was halten Sie von studentischer Mitbestimmung in universitären Gremien?
Sehr viel! Es ist sehr wichtig, dass bei Entscheidungen so viele
verschiedene Standpunkte wie möglich vertreten sind. Als Professor habe
ich eine ganz andere Sicht auf die Dinge, als die Studierenden und ich
kann deren Probleme auch nicht so gut einschätzen. Es ist wichtig, dass
die Studierenden ihre Stimme erheben können und natürlich auch, dass
sie über alle Vorgänge aus erster Hand informiert sind. Ich hoffe sehr,
dass diese Mitbestimmung auch in Zukunft aktiv von den Studierenden
wahrgenommen wird.
Kürzlich wurde bekannt, dass vom Rektorat die Mittel für das
eLearning-Wiki gestrichen wurden. Gibt es Pläne, dieses Projekt aus dem
Fakultäts-Budget weiter zu finanzieren?
Das ist nicht ganz richtig. Das eLeaning-Wiki war von vornhinein nur
als Projekt mit begrenzter Laufdauer vorgesehen, nach den drei Jahren
läuft nun Finanzierung von Seiten des Rektorats aus. Es wurde versucht
zu verlängern, es ist aber leider nicht gelungen. Wir konnten dennoch
für eine Zwischenfinanzierung sorgen, wenn auch nicht im vollen Ausmaß
des ursprünglichen Budgets.
Meiner Meinung nach sollten wir dieses Projekt aber keinesfalls
auslaufen lassen, da es sich für Lehrende und Studierende sehr bewährt
hat und wir bemühen uns, die nötigen finanziellen Mittel dafür
aufzubringen. Für die Fakultät wäre es schwierig, aber das Rektorat
muss hier denke ich einsehen, dass es eine gute Sache ist. Es kann ja
nicht einerseits verstärktes eLearning fordern und dann keine Mittel
zur Verfügung stellen. Ich bin optimistisch, dass wir in der Lage sein
werden, dieses Projekt in irgendeiner Form weiter zu führen.
Viele haben Probleme, mit den Vorlesungs-Übungen. Werden diese negativ
beurteilt, müssen die Studenten immer ein Jahr warten, bis sie diese
wiederholen können. Wäre es für Sie vorstellbar, geblockte Übungen in
den Ferienmonaten anzubieten?
Was das betrifft bin ich sehr skeptisch. Die Ferienmonate sind ja kein
Urlaub, sondern vorlesungsfreie Zeit, die von den Fakultätsmitgliedern
genutzt wird, um sich verstärkt der Forschung zu widmen. Wie die Lehre
gehört eben auch die Forschung zu den Aufgaben der Fakultät und ich
möchte die Zeit, die dafür zur Verfügung steht möglichst nicht
beschneiden.
Sicher bin ich bereit, es in Betracht zu ziehen, es gibt auch jetzt
schon Praktika, die in der vorlesungsfreien Zeit angeboten werden, aber
das zum System zu machen möchte ich eigentlich nicht.
Die Physik schließt ihre Tore täglich bereits um 20 Uhr. Am UZA können
die Studenten bis 22 Uhr lernen und die Räumlichkeiten für Tutorien
nutzen. Würden Sie Dies auch an der Physik befürworten?
Ich persönlich würde es sehr begrüßen. Das Studierendenzentrum wurde ja
gerade deshalb eingerichtet, damit die Studierenden in Gruppen
zusammensitzen, lernen und Übungen gemeinsam machen können. Ich halte
das für einen sehr wichtigen Aspekt im Physikstudium und wir als
Fakultät sollten das fördern.
Ich kann Ihnen aber leider nichts versprechen, da ich mich über die genauen Regelungen erst informieren muss.
Welche Strategie wollen Sie in Forschung und Lehre verfolgen: Diversifizierung oder Spezialisierung?
Das ist nicht so einfach. Ich halte nichts davon uns nur auf einige
wenige Gebiete zu beschränken, denn man muss aufpassen, dass man sich
durch eine zu starke Spezialisierung nicht Chancen wegnimmt. Wir können
und müssen aber auch nicht auf allen Gebieten eine kritische Masse
haben, doch zumindest für die Lehre sollten wir schauen, dass wir für
jedes zentrale Gebiet der Physik einen Experten im Haus haben.
Das Wichtigste ist, dass wir gute Leute nach Wien holen, die neue Wege gehen und auch noch in 10 Jahren gute Ideen haben.
Wo sehen Sie denn die Fakultät für Physik in 10-15 Jahren?
Das ist schwierig. Ziel ist es natürlich, die Fakultät zu einem
internationalen Zentrum für Physik auszubauen. Wir haben bereits sehr
gute Gruppen und ich hoffe, dass durch die neuen Kollegen, die dazu
kommen, die internationale Sichtbarkeit der Physik in Wien erhöht wird
und wir auch konkurrenzfähiger werden. In Zukunft werden die
Universitäten sicher in einen stärkeren Wettbewerb treten. Studierende
werden ihre Universität danach auswählen, was sie bietet.
Ich empfehle das auch wirklich allen Studierenden: schauen Sie sich die
verschiedenen Universitäten an, wo gibt es die beste Lehre, wo die
bekanntesten Leute und wo die beste Forschung. Entscheiden Sie sich
nicht für eine Universität, weil sie an der nächsten Ecke liegt,
sondern weil sie zum Beispiel das beste Bachelorstudium hat.
Unter diesem Aspekt ist es also wirklich wichtig, dass wir uns in
Zukunft zu einem führenden Standort für Physik entwickeln, um die
besten Studierenden zu bekommen.
Ich danke Ihnen für das Interview, Hr. Prof. Dellago.
Das Interview führte
Arno Kompatscher.