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Rezension: Toxikologie für Naturwissenschaftler |
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Thursday, 25 May 2006 |
Einführung in das Thema
Die Definition der Toxikologie als die Lehre von den schädlichen Wirkungen chemischer Substanzen auf lebende Organismen macht schon aufgrund der sehr allgemeinen Formulierung ersichtlich, dass die Toxikologie nicht einfach nur Teilgebiet der Pharmakologie, die Lehre von den Wirkungen der Heilmittel, sein kann, sondern dass ihr ein omnipräsenter Charakter zugeschrieben werden muss. Biologisches Leben an sich ist untrennbar mit der ständigen Präsenz schädlicher Einflüsse verbunden, Toxikologie ist im wahrsten Sinne des Wortes allumgebend wie Luft oder Wasser, was schon Paracelsus im 16. Jhdt. erkannte. Um sich der Toxikologie entziehen zu können müsste man aufhören zu essen, zu trinken, zu atmen, man müsste aufhören zu leben. Umwelttoxikologie, Nahrungsmittel-Toxikologie sowie die Toxikologie der Schädlings-bekämpfungsmittel sind nur drei von vielen Aufgaben der Toxikologie, deren essentielle Bedeutung von jedem zumindest erahnt wird.
Inhalt
Das vorliegende im Teubner-Verlag erschienene Buch "Toxikologie für Naturwissenschaftler – Eine Einführung in die Theoretische und Spezielle Toxikologie", 1. Auflage, ist in drei Teile gegliedert und umfasst 486 Seiten.
Günter Fred Fuhrmann erläutert in Teil I seines Buches, der Theoretischen Toxikologie, die Toxizitätsprüfungen, Kennzahlen und Angriffsorte für die Aufnahme giftiger Substanzen. Er geht dabei sowohl auf den Aufbau, Funktion, Struktur der praktisch den ganzen Körper betreffenden Gewebe und Organe ein, die mit toxischen Substanzen interagieren, als auch auf beteiligte Enzymsysteme sowie auf Ausscheidungsarten unterschiedlichster Art ein. In diesem Teil vermittelt er grundlegende, für das umfassende Verständnis der Aufnahme, Bindung, Speicherung, Metabolismus und Ausscheidung toxischer Substanzen nötige anatomische, physiologische und biochemische Wissen, im Speziellen wird unter anderem besonders Rezeptoren, Ionentransporter, Synapsenfunktionen, Erythrozyten beleuchtet.
Durch Zuhilfenahme von mathematischen Zusammenhängen, Zahlenangaben der Aufnahme-, Durchsatz und Ausscheidungsgeschwindigkeiten skizziert er die Größenordnungen der Vorgänge im Körper. Die für den Metabolismus dieser Stoffe wichtigen Enzyme und Enzymsysteme werden vorgestellt und mit chemischen Schemen und Beispielen veranschaulich. Auf Rezeptoren, chemische Bindungen, Wechsel- und Hemmwirkungen wird im Kapitel Toxikodynamik eingegangen.
Teil II, Spezielle Toxikologie, beschäftigt sich mit den Substanzgruppen Metalle u. Metalloide, Lösungsmittel, sowohl allgemein als auch genauer, differenziert nach Stoffklassen. Wolfgang Legrum verfasste die Kapitel Biozide, Rückstände, technische Produkte und Gefahrenstoffe. Insektizide, Herbizide und Fungizide sind in eigenen Unterkapitel zu Bioziden verpackt, jeweils nach den Klassen erörtert. Bei letzterem werden auch hormonaktive Rückstände und deren Nachweise berücksichtigt. Neben östrogenwirksamen Rückständen aus Bioziden und Industriechemikalien kommen auch Phyto- und Mykoöstrogene zur Sprache. Die wichtigsten Schwermetalle, unter anderen Blei, Cadmium, Chrom, Nickel, Quecksilber werden von Herrn Legrum besonders ausführlich bezüglich ihrer Toxikokinetik, Toxikodynamik und Therapie beschrieben.
Mit Christian Steffen hat Herr Fuhrmann einen weiteren Experten im Team, der in seinem Kapitel auf die Bedeutung der Atemgifte eingeht und zwar sowohl die, beim Einatmen giftigen als auch jene Substanzen, die atmungskettenrelevante Enzyme direkt oder indirekt hemmen, blockieren oder als Methämoglobinbildner wirken.
Achim Aigner skizziert im Kapitel "Karzinogenese" die Mechanismen der Tumorentwicklung, zeigt die Auswirkungen von toxischen Chemikalien auf die Krebsentstehung und stellt Testmethoden für Prüfung auf Genotoxizitätsprüfung vor.
Thomas R.H. Büch gibt in Teil III einen Einblick in die medizinischen Behandlungsprinzipien. Sowohl Maßnahmen bei akuten Vergiftungen als auch Maßnahmen zur Verhinderung von Giftresorption erklärt werden. Möglichkeiten, mit der man die Wirkung nach erfolgter Resorption zu unterbinden versucht, werden ebenfalls vorgestellt. Er legt das Augenmerk auch auf die Praxis, die speziell für Laien abgestimmt ist.
Aufbereitung, Machart
Auf den ersten Blick erscheint das Buch trocken und – aufgrund der ausschließlich schwarz/weißen Druckweise – als grau. Den Gegenbeweis tritt schon das erste Kapitel eines
- für Naturwissenschaftler und vorgebildeten Laien geschriebene - Sachbuchs, das als solches ungewöhnlich fesselnd, mit Detail- u. Hintergrundwissen auch sehr unterhaltend ist.
Reichlich vorhandene, leicht nachzuvollziehende Tabellen, Diagramme, Zahlentafeln, Statistiken und vor allem anschauliche Formelbilder sowie Skizzen von Stoffwechselwegausschnitte helfen, das Verständnis des ohnehin schon klaren Textes auch für Nicht-Biochemiker noch weiter zu erhöhen. Einige Zusammenhänge sind in mathematischen Formeln wiedergegeben, ohne sich jedoch zu sehr in deren Feinheiten zu verfangen.
Autorinformationen
Aus dem Vorwort: Dieses Buch ist auf Anregung von Herrn Professor Christoph Elschenbroich hervorgegangen anlässlich einer Vorlesung über Toxikologie, die im Fachbereich Chemie der Philipps-Univerität in Marburg seit 1980 gehalten wird. Alle Autoren sind bzw. waren an der Philipps-Universität Marburg tätig
Prof. Dr. med. Günter Fred Fuhrmann
Geboren 1932 in Schackensleben. Von 1977 bis 1998 Professor für Molekulare Pharmakologie.
PD Dr. Ing. Achim Aigner
Geboren 1965 in Offenbach am Main. Seit 2003 Hochschuldozent am Institut für Pharmakologie und Toxikologie.
Dr. med. Thomas Büch
Geboren 1974 in Saarbrücken. Seit 2001 wissensch. Mitarbeiter am Institut für Pharmakologie und Toxikologie.
Prof. Dr. rer. physiol. Wolfgang Legrum
Geboren 1951 in Ludwigshafen/Rhein. Professor seit 1994 am Inst. f. Pharmakologie und Toxikologie, Gastprofessor am Fachbereich Chemie.
Prof. Dr. med. Christian Steffen
Geboren 1945 in Marburg. Seit 1985 am Inst. für Arzneimittel des BGA in Berlin, jetzt Bonn, als Direktor und Professor
Lesergruppen – Nutzen
Das vorliegende Buch sei an alle gerichtet, die wissenschaftlich in irgendeiner Weise mit Leben oder chemischen Substanzen zu tun haben, kurz: NaturwissenschaftlerInnen jeden Bereichs. Neben dem speziell angesprochenen Fachpublikum der Studenten aus Medizin, Pharmazie, Chemie, Biochemie, Biologie und Ernährungswissenschaften kommen auch interessierte und belesene Laien, die über ein Grundwissen aus Chemie und Mathematik verfügen, voll auf ihre Kosten.
Rezensenten-Position
Herrn Fuhrmann sowie seinen zusätzlich – extra für einzelne Kapitel – an Bord geholten Experten ist es mit diesem Buch gelungen, das Thema mehr als nur zufriedenstellend in ein Buch zu packen. Neben der nie als überladen erscheinenden Komplettheit besticht das Werk am allermeisten durch die klare, im Gegensatz zu anderen Fachbüchern jedoch alles andere als hochgestochene Sprache. Die Autoren lassen den Text und Formulierungen an sich zur Nebensache werden, der reine Inhalt wird bestmöglich zur Sprache gebracht.
Die reichlichen Hilfsmittel zur Veranschaulichung machen das entstehende Verständnis der Sachverhalte noch plastischer, noch greifbarer. Manche mögen sich etwas an den rein in s/w gehaltenen Skizzen stoßen, andere hingegen werden sich zum Griff nach farbigen Stiften eingeladen fühlen, um chemischen Formeln ganz nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Meisterhaft recherchiert, um geschichtliches Wissen und vielen Hintergrund- und Detailwissen ergänzt, geht das Buch bis auf die Ebene von chemischen Reaktionen, die Interaktion von Chemikalien mit körpereigenen Strukturen und Enzymen. Eventuell vorhandene Wissenslücken auf dem Gebiet der Anatomie und Physiologie werden mit einem angepassten Grundlagenteil geschlossen. Ein äußerst gelungenes Werk, manche mögen die Farblosigkeit der Skizzen bemängeln, der Inhalt ist es nicht. Wer ein Buch zu Theoretischer und Spezieller Toxikologie sucht, kommt um dieses kaum herum und wird einzig durch einen vielleicht etwas über dem Moderaten liegenden Preis beeinflusst. Hätten die Autoren auch noch mit mehr medizinischen Statistiken und Auswertungen aufgewartet oder wäre auch auf mathematische Problemstellungen und deren Lösungen mehr eingegangen worden, wäre dies zwar interessant gewesen, hätte jedoch den gut gewählten Umfang bei weitem gesprengt.
Eine Rezension von Ralph Wolf Gatternig, Student der Ernährungswissenschaften
Wien, der 24. Mai 2006
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